Halbzeitbilanz des Projekts "Gemeinsam Kirche sein - Internationale Gemeinde"

2016 hat sich die Lydia-Gemeinde auf den Weg gemacht, mit dem Ziel im Jahr 2020 als erste westfälische Ortsgemeinde eine internationale Gemeinde zu sein, was sich in ihren Gottesdiensten, Gruppen und Projekten spiegeln soll.

Von Anfang an stieß das Projekt sowohl innerhalb der Gemeinde als auch außerhalb auf ein reges Interesse. Leitend für die Umsetzung des Projektes „Gemeinsam Kirche sein – internationale Gemeinde“ war der Gedanke der Transformation. Bei diesem Vorhaben sollte es nicht um ein Projekt gehen, das nur für eine bestimmte Zielgruppe innerhalb der Gemeinde interessant ist. Es sollte vielmehr sich die gesamte Gemeinde zu einer internationalen Gemeinde transformieren. Deshalb lag zu Beginn des Projektes ein Schwerpunkt auf der Gewinnung der vorhandenen Gemeinde für die Öffnung hin zur internationalen Gemeinde. Dabei begegnete den projektverantwortlichen Pfarrerinnen und allen Akteuren auf der einen Seite Offenheit und Interesse für das Projekt. Auf der anderen Seite gab es auch Vorbehalte, insbesondere die Sorge, dass das Pfarrteam nun nicht mehr genug Zeit für die „eigentliche“ Gemeindearbeit habe.

Bei allen Vorhaben, wie z.B. dem Aufbau der Besuchsarbeit, wurde dieser Aspekt berücksichtigt. Es sollte bei der sogenannten Kerngemeinde nicht der Eindruck entstehen, die Gemeindeaktivitäten richteten sich nur noch auf die „Neuen“. Viel Zeit und Energie wurden deshalb in die interne Kommunikation und die Information über das Projekt gesteckt. Bei Gemeindeversammlungen, im Gemeindebeirat, in den Gruppen und Kreisen, in den Kindertagesstätten wurde das Projekt vorgestellt und gemeinsam mit den Gemeindegliedern Ideen zur Umsetzung des Projektes entwickelt. So war die Kerngemeinde von Anfang an beteiligt und wurde mit ihren Ideen aber auch Bedenken gehört und ernstgenommen. Ein Leitgedanke war dabei die Überwindung von einem „Wir“ und „die Anderen“ hin zu einem gemeinsamen „Wir“.

Besonders gelungen ist dieses in den internationalen Gottesdiensten, in denen die Musik eine besondere Rolle spielt. Dabei ist die Band kamerunischer Studierender ein zentraler Faktor. Ebenfalls ein gutes Miteinander ist im internationalen Bibelkreis entstanden sowie im Besuchskreis, der Gemeindeglieder zur Begegnung in der Nachbarschaft einlädt. Dies gilt auch für ein Kochprojekt, in dem sich die Teilnehmenden jeweils einem Land kulinarisch unter der Leitung eines aus diesem Land stammenden „Kochchefs“ nähern.

Musikalisch bereichert auch der neu gegründete internationale Kinder- und Jugendchor Gottesdienste und Veranstaltungen. Aber auch die etablierten Chöre der Gemeinde sind mittlerweile in das Projekt involviert. Konzerte, Ausstellungen und Gesprächskreise, Vorträge und Veranstaltungen zu Themen wie Flucht und Migration haben in verschiedenen Zusammenhängen das Bewusstsein in der Gemeinde für die angestrebte interkulturelle Öffnung gestärkt.

Nicht so erfolgreich waren Bemühungen um eine verstärkte interkulturelle Zusammenarbeit in der Jugendarbeit. Da die Gemeinde keine eigene hauptamtliche Jugendarbeit mehr hat, ist sie auf Kooperationen mit anderen Akteuren angewiesen. Aufgrund eines personellen Wechsels in der Jugendkontaktstelle des Kirchenkreises brachen hier Kooperationen ab. Deshalb hat sich die Gemeinde ganz auf die Konfirmandenarbeit konzentriert. Kinder mit Migrationshintergrund nehmen am Konfirmandenunterricht teil. Im Unterricht selbst sind dadurch in den letzten Jahren internationale Themen stärker verankert. So wird der Blick der Konfirmanden und Konfirmandinnen für kulturübergreifende Zusammenhänge gestärkt und sie lernen, sich als Teil der „Einen Welt“ zu verstehen.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Arbeit mit den sieben Kindertagesstätten der Gemeinde und der sogenannten Kinderkirche. Die Kindertagesstätten der Gemeinde werden überwiegend von Kindern mit Migrationshintergrund besucht. Hier liegt eine große Herausforderung und Chance, das Projektziel einer interkulturellen Öffnung der Gemeinde zu erreichen. Die Umsetzung vieler Ideen und Vorhaben scheitern z.Zt. leider aber noch an der hohen Arbeitsbelastung der Erzieher und Erzieherinnen.

Sehr erfolgreich ist dagegen die Kinderkirche. Hier treffen sich Kinder verschiedener Sprache und Herkunft einmal im Monat an einem Samstag zu einem Bibeltag mit Familiengottesdienst am darauffolgenden Sonntag, den die Kinder mitgestalten. Aus dieser Arbeit ist auch der bereits erwähnte internationale Kinder- und Jugendchor erwachsen.

Erfreulich im Hinblick auf die Gestaltung des Gemeindelebens ist, dass sich Christinnen und Christen anderer Sprache und Herkunft mittlerweile auch als Gruppenleitende und Projektverantwortliche engagieren und in leitenden Gremien der Gemeinde wie z.B. dem Gemeindebeirat mitarbeiten.

Die Zusammenarbeit mit den in der Gemeinde beheimateten Gemeinden anderer Sprache und Herkunft hat sich in herausragender Weise intensiviert. Gemeinsame Gottesdienste sind selbstverständlicher Bestandteil der Zusammenarbeit wie auch die Mitarbeit in einem Gottesdienstkreis und die Mitwirkung am internationalen Bibelkreis. Gemeindeaktivitäten über die Gottesdienste hinaus werden gemeinsam geplant und durchgeführt. In vertrauensvoller Atmosphäre können auch Störungen und Irritationen angesprochen und Missverständnisse ausgeräumt werden.

Die Kontaktaufnahme zu weiteren Gemeinden anderer Sprache und Herkunft im Stadtteil gestaltet sich schwierig. Oft ist es nicht einfach, eine Kontaktperson zu identifizieren oder auch nur den Standort der Gemeinde herauszufinden. Auch kamen die projektverantwortlichen Pfarrerinnen mit ihrem Team aufgrund der Anfangssituation des Projektes und der Implementierung vieler neuer Arbeitsansätze an Grenzen ihrer Arbeitskapazitäten. Eine Erfahrung war jedoch, dass die Gemeinden anderer Sprache und Herkunft zwar durchaus an der Überlassung von Räumlichkeiten, jedoch kaum an einer weiter gehenden Zusammenarbeit interessiert sind. Häufig wird angeführt, gerade über die Überlassung und gemeinsame Nutzung von Gemeinderäumen sei es möglich, Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln. Da die Gemeinde in den vergangenen Jahren ihren Raumbestand deutlich verkleinern musste, sind hier aber keine weiteren Möglichkeiten gegeben.

Im Stadtteil ist die Gemeinde durch ihre Mitarbeit in den quartiersbezogenen Gremien gut vernetzt. Da diese Gremien von Migrantinnen und Migranten mitgetragen werden, ist hier eine enge Zusammenarbeit mit diesen gegeben. Durch ihre Aktivitäten ist die Gemeinde mittlerweile als sich interkulturell öffnende Gemeinde im Stadtteil bekannt und gefragt.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die bisherigen Änderungen in der Gemeinde vor allem geistlich geprägt sind: Internationaler Bibelkreis, Gottesdienste und Besuchsaktionen haben sich etabliert. Eher diakonische Angebote spielen im Hinblick auf die angezielten Entwicklungsprozesse hingegen eine untergeordnete Rolle. Für einen künftigen Gemeindeaufbau ist dies positiv zu bewerten. Es gelingt am ehesten, Menschen anderer Sprache und Herkunft über geistliche Angebote für die eigene Gemein­de zu interessieren und ggf. zu gewinnen. Diakonische Arbeit wird dadurch nicht gegenstandslos – gerade nicht in einem sozialen Umfeld wie der Dortmunder Nordstadt. Es deutet aber einiges darauf hin, dass ein Schlüssel für die Zukunft der Gemeinde in diesem heterogenen Umfeld in der geistlichen Dimension des Miteinanders zu suchen ist.